Das Leipziger Duo Brasso Continuo gastiert in Göllheim

VON ROLAND HAPPERSBERGER

Zwei junge Musiker, die wirklich was können, stellten sich am Freitagabend in Göllheims protestantischer Kirche vor: Johann Schuster, 1993 in Dresden geboren, mit der Trompete und Christian Wiebeck, 1984 in Magdeburg geboren, an der Orgel. Seit zwei Jahren sind sie als Duo Brasso continuo mit einer elegant und swingend gespielten Musikmischung vom Barock bis in die Gegenwart unterwegs. Es war ein sehr schönes, lebendiges Konzert – das leider kaum mehr als 20 Zuhörer fand. Brasso continuo beginnt mit den Capricci armonici op. 4 Nr. 1 des italienischen Barockkomponisten Giovanni Buonaventura Viviani (1638-1692), einer Folge knapp gefasster, abwechselnd langsamer und schneller Sätze. Das Spiel der beiden jungen Musiker ist sehr einnehmend: Die Trompete strahlt, die Orgel grundiert durchaus munter, die schnellen Sätze kommen frisch und lebhaft, die langsamen dicht und auffallend intensiv. Dann ein norddeutscher Orgelmeister, Dietrich Buxtehude, Altersgenosse Vivianis, aber Bewohner einer ernsteren musikalischen Welt. Präludium, Fuga und Ciacona in C- Dur BuxWV 137 sind zu hören. Aber was ist das? Das virtuose Pedalsolo funktioniert gar nicht, die Orgel spricht nicht exakt an, einige Töne kommen gar nicht oder verspätet – es liegt daran, wie später zu erfahren ist, dass die Padalkoppel keine exakte Verbindung herstellt: ein technisches Problem an der ansonsten vorzüglichen Sauerorgel von 1888/89. Gleichwohl: Christian Wiebeck spielt ansonsten tadellos. Zwei Choräle Johann Sebastian Bachs, BWV 639 und 209, hat Wiebeck für Orgel und Trompete arrangiert, wovon der zweite, „Schafe können sicher weiden“, durch die zarte Delikatesse der weitschwingenden Trompetenkantilene und der sensiblen Orgelbegleitung besonders gefällt. Die fetten Akkorde des Präludiums in G-Dur von Constantin Homilius (1813-1902) klingen ein wenig nach Kirmesmusik, aber in ihrem raschen, lebhaften Fluss weiß auch diese Musik zu gefallen und leitet hervorragend zu neueren, aus Filmen bekannten Stücken über. Da gibt es zunächst von James Horner eine Hymne an die See: eine getragene Trompetenmelodie über regelmäßig hämmernder Orgel, die dann die Melodie übernimmt und präzis wie ein Dudelsack klingt – das Trompetenregister hat dieses ungewöhnliche Timbre. Howard Shores „The Breaking of the Fellowship“ beginnt ähnlich mit einer von Schuster exquisit geblasenen Legato-Trompetenmelodie, die in pathetisch-expressives Akkordwerk mündet. Wladimir Fjodorowitsch Odojewski ist ein Komponist des 19. Jahrhunderts, dessen „Gebet ohne Worte“ für Orgel solo aus dunklen, fülligen Akkorden besteht. Christian Wiebeck gibt ihnen ruhiges, nachsinnendes Tempo, spielt das Stück ohne Hast – sehr eindrucksvoll in der sich niedersenkenden Dämmerung. Dann schaltet Pfarrer Peter Rummer die Lichter an, und Johann Schuster setzt den Dämpfer auf sein Instrument – jetzt wird wunderschön gejazzt. Werner Richard Heymann ist der Komponist. Er war in den frühesten Tonfilmtagen, bevor die Nazis ihn vertrieben, der Musikchef der Ufa und hat viele Evergreens geschaffen, unter anderem das wunderschöne Lied „Irgendwo auf der Welt gibt's ein kleines Stückchen Glück“ aus dem Film „Der blonde Traum“ mit Lilian Harvey. Es hat die Qualitäten eines nachdenklichen Chansons, und es macht sich mit gedämpfter Trompete und Sauer-Orgel ganz wunderbar: flott der Refrain, die Strophe breit verweilend und getragen, dabei farbenreich registriert; Brasso continuo hat sich den ganzen Nachmittag mit der Orgel befasst, Wiebeck hat die Zungenregister eigens gestimmt, und das macht sich nun mit einer klanglichen Delikatesse bezahlt, die ungemein kostbar ist. Beide Musiker spielen metrisch wunderbar frei und doch immer exakt beieinander. Dieselben Qualitäten kommen auch dem letzten Stück zu, „What a wonderful World“ von George David Weiss, das apotheotisch zu strahlen- dem Forte gelangt und die Orgel zu geradezu symphonischer Klangentfaltung steigert – mit einer Reprise in feinstem Piano. Der herzliche Applaus dokumentierte, dass es den außerordentlich wenigen Zuhörern außerordentlich gut gefallen hat, womit sie mit dem elegisch swingenden Londonderry Air als Zugabe belohnt wurden.

Mehr als Kirchenmusik

VON JULIA HELWIG

Ein hervorragendes Konzert bekam am Samstagabend das Publikum in der Martinskirche in Grünstadt zu Gehör. Im Rahmen der Konzertreihe der protestantischen Kirchengemeinde gastierte zum ersten Mal das Duo Brasso Continuo aus Leipzig/Halle in der Stadt. Dieses entführte in verschiedene musikalische Epochen: von Barock über Romantik bis hin zur zeitgenössischer Filmmusik. Christian Wiebeck, der Organist, zeigte in Verbindung mit dem Trompeter Johann Schuster, dass Orgelmusik vielmehr als nur Kirchenmusik sein kann. Das Repertoire ihres Programmes „That Next Place“ brillierte an diesem Abend mit vielen Facetten. Angefangen bei Barock – die Zeit, in der die Trompete als Soloinstrument hervortrat und die Orgel ihre Blütezeit erlebte. Gefühlvoll und äußerst beeindruckend gelang ihnen die perfekte Kombination dieser beiden ausdrucksstarken Instrumente. Mit Werken von Giovanni Buonaventura Viviani und Dietrich Buxtehude beeindruckten sie das Publikum im ersten Teil des Konzerts. Das Zusammenspiel von Orgel und Trompete harmonierte und ließ gleichzeitig jedem Musiker genügend Freiraum zur Entfaltung. Bereits seit 2014 konzertieren die beiden jungen Männer regelmäßig miteinander und haben vor einiger Zeit die Liebe zur Filmmusik entdeckt. „Wir möchten mit diesem Konzert die Einzigartigkeit dieser Instrumente in ihrer Verbindung zeigen“, sagte Christian Wiebeck, der unter anderem filmmusikalische Werke für das Duo arrangierte. Gerade in der Filmmusik hätten Trompete und Orgel oft keinen Platz oder nur einen geringen Stellenwert. Oft verbinde man Orgelmusik ausschließlich mit Kirchenmusik und nicht mit Filmklassikern des vergangenen Jahrhunderts, das wolle er damit ändern. Dass dies machbar und vor allen Dingen melodiös sowie abgerundet klingen kann, bewiesen sie in der zweiten Hälfte des Abends. Für beide nehme die Filmmusik eine wichtige Rolle in ihrem musikalischen Schaffen ein und sei somit das Herzstück und Aushängeschild des Duos, erzählte der 23-jährige Johann Schuster, der seit 2016 Substitut bei der Dresdner Philharmonie ist. Das Duo Brasso Continuo gastiert in der Martinskirche mit ganz unterschiedlichen Klangfarben und interessant interpretiert verliehen sie alten Klassikern wie dem „Main Theme“ aus „Schindlers Liste“ von John Williams oder „That Next Place“ von Thomas Newman eine eigene Note. Stimmungsvoll mit einem Hauch von Sentimentalität war auch ihr Arrangement des Stücks „Irgendwo auf der Welt gibts ein kleines bisschen Glück“ von Werner Richard Heymann. „Mit dieser Art von Musik halten wir an traditionellen Elementen fest, wollen aber durch unsere beiden Instrumente die besondere Stimmung – mal dramatisch oder auch emotional – transportieren, so der 32-jährige Organist. Das begeisterte Publikum dankte es mit einem stehenden Schlussapplaus. Und so boten die bei den mit dem Klassiker „Danny Boy“ von Frederic Weatherly, das von vielen Künstlern schon gesungen und instrumental arrangiert wurde, eine perfekte Zugabe.